Diese FDP ist nicht zu retten - zum Glück
Es gibt Sätze, die bleiben nicht deshalb hängen, weil sie geistreich sind, sondern weil sie zutreffen. Als Friedrich Merz der FDP nach der Wahl in Baden-Württemberg nachrief, sie werde in Deutschland keine Rolle mehr spielen, war das so ein Satz. Roh, triumphierend, wenig elegant. Natürlich ist da zunächst der beleidigte Reflex. Ausgerechnet Merz, möchte man sagen, soll das letzte Wort über den deutschen Liberalismus haben? Ausgerechnet der Kanzler einer Union, die nie arm an staatsfrommer Bequemlichkeit war? Aber schmerzhafter als der Spott des Kanzlers war die Verlegenheit derer, die ihm zwar widersprechen wollen, aber mit jeder weiteren Wahl weniger können. Denn wenn der Ärger verraucht ist, bleibt eine unangenehme Einsicht: Der Kanzler hat nur ausgesprochen, was die Wählerinnen und Wähler kaum deutlicher sagen könnten: Diese FDP ist nicht zu retten.
Dabei ist es nicht der Liberalismus, der in Deutschland überflüssig geworden ist. Überflüssig geworden ist eine Partei, die nur noch eine liberale Pose verkörpert. Die Vokabeln sind noch da: Freiheit, Eigenverantwortung, Aufstieg, Innovation. Aber sie klingen hohl. Was einmal nach Zukunft klang, klingt heute oft wie das Räuspern einer gekränkten Partei, die sich vor allem darin gefällt, auf den Verfall der anderen hinzuweisen.
Die gegenwärtige Schwäche der FDP ist kein Schicksal. Sie ist das Ergebnis einer Partei, die ihre Lage missverstanden hat. Nach der Bundestagswahl 2025 begann sie fieberhaft nach ihrer Stammwählerschaft zu suchen, als ließe sich politische Geborgenheit im Jahr 2026 noch wie eine alte Stammkneipe wiedereröffnen. Nur zerbrechen Stammwählerschaften in ganz Europa seit Jahren. Wahlentscheidungen werden flüchtiger und situativer. Wer unter solchen Bedingungen versucht, sich ein kleines sicheres Milieu zu basteln, verliert nicht nur an Größe, sondern am Ende vor allem sich selbst.
Vielleicht wäre all das verschmerzbar, wenn die Partei wenigstens einen Ton fände, der über das Gereizte hinausgeht. Doch die FDP vermag seit Monaten nur in der Grammatik der Verstimmung zu sprechen: Die anderen versagen, die Regierung blockiert, der Staat lähmt, das Land stagniert. Das ist nicht immer falsch. Nur ist politische Kommunikation nicht die Kunst, möglichst viel recht zu behalten. Sie ist die Kunst, Menschen eine Richtung zu zeigen. Eine Partei, die fast nur noch diagnostiziert, wird irgendwann nicht mehr als Reformkraft wahrgenommen, sondern als protokollierendes Ressentiment.
Gerade das ist erstaunlich, weil liberale Politik kommunikativ viel bessere Voraussetzungen hätte, als ihr gegenwärtiger Zustand vermuten lässt. Aus der Forschung zur politischen Kommunikation wissen wir, wie wichtig Selbstwirksamkeit ist. Menschen reagieren nicht nur auf Problembeschreibungen. Sie reagieren auf Erzählungen, die sie einbinden. Auf die Aussicht, selbst Teil einer Verbesserung zu sein. Wer Zukunft glaubwürdig erzählt, wer Nähe, Handlungsfähigkeit und Zuversicht vermittelt, gewinnt Aufmerksamkeit. Wer nur erklärt, warum alles schiefläuft, gewinnt bestenfalls gleichgültige Zustimmung.
Die FDP könnte es besser wissen. Im parteinahen Umfeld kursierte ein Memo der Friedrich-Naumann-Stiftung, das den Wert positiver, selbstwirksamer Kommunikation betont. In den Niederlanden hat die Schwesterpartei der FDP, D66, genau dies umgesetzt und dabei gezeigt, wie liberaler Ton heute klingen kann: weniger belehrend, weniger gereizt, mehr Einladung als Abgrenzung. Rob Jetten spricht von Fortschritt, den Menschen gemeinsam bauen können. Das mag bisweilen pathetisch klingen. Aber es ist ein produktives Pathos, weil es Politik als Möglichkeit und nicht als Kränkungserfahrung anbietet. Freiheit erscheint dort nicht als kalter Rückzug, sondern als die Aussicht, sich in einer komplizierten Welt wieder Handlungsfähigkeit zu verschaffen.
Genau darin läge auch hierzulande eine Chance. Deutschland hat durchaus Platz für liberale Ideen. Wahrscheinlich sogar mehr, als die FDP derzeit glauben lässt. Es gibt ein großes, fluktuierendes Publikum für Politik, die Aufstieg ernst nimmt, die den Staat funktionsfähig machen will, die Gründungen erleichtert, gute Bildung organisiert, Wohnungsbau beschleunigt und technologische Offenheit nicht bloß beschwört, sondern in den Alltag übersetzt. Liberalismus wäre dann kein pflichtschuldiges Bekenntnis für Parteitage, sondern eine Sprache der Ermöglichung.
Dass die FDP diesen Raum nicht füllt, ist ihr eigentliches Versagen. Nicht, dass sie verliert. Parteien verlieren. Nicht, dass sie um ihr Profil ringt. Das tun viele. Nicht, dass ihr Spitzenpersonal Angst vor Flügelkämpfen hat. Alle Parteien können ein Lied davon singen. Sondern dass sie ihr Potenzial, Freiheit mit Zukunft zu verbinden, so beharrlich nicht ausschöpft. Stattdessen ist aus dem Versprechen der Selbstgestaltung ein Stil der schlechten Laune geworden.
Vielleicht liegt aber gerade darin ein paradoxer Trost. Falls diese FDP verschwinden sollte, verschwindet damit nicht zwangsläufig der deutsche Liberalismus. Im Gegenteil: Es könnte sogar eine Voraussetzung sein. Die Voraussetzung dafür, dass liberale Politik in Deutschland endlich neu beginnt. Weniger gekränkt, weniger gekünstelt, weniger verliebt in die eigene Rechthaberei und Klientelpolitik, sondern als mutige und lebensnahe Idee: dass Menschen etwas aus ihrem Leben machen können. Für diese Idee gibt es Platz. Nur steht diese FDP ihr derzeit im Weg.
